Neues von Ole, Beppo & Toni

im Dezember 2017


21. Dezember
Für die, die hier nach so langer Zeit ohne neue Einträge überhaupt noch ab und zu reinschauen, gibt es nun bewegende Neuigkeiten.

In den vergangenen zwei Monaten hatte ich eine schwere Lungenentzündung, war richtig krank und ziemlich lange vollkommen außer Gefecht gesetzt. Ich konnte nicht nur nicht arbeiten, sondern auch den Stall nicht machen und mich nicht um die Pferde kümmern. Gott sei Dank habe ich die gute Jill, meine treue Hilfe, die immer noch so wunderbar für die Jungs sorgt, weil ich auch jetzt noch nicht wieder einsatzfähig bin.

Während ich also gezwungen war zu Hause nichts zu tun, hatte ich ungewollt so viel Zeit wie schon sehr lange nicht mehr. Und schon ziemlich bald wurde mir etwas klar, das schon recht lange in mir schlummert: dass es so nicht weitergehen kann.
Ich habe eine volle Stelle und habe mit der Zeit immer noch mehr nebenbei gearbeitet um mir die Pferde und den Hof irgendwie leisten zu können. Dadurch konnte ich die Pferde zwar halten, hatte aber immer noch weniger Zeit mich auch mit ihnen zu beschäftigen. In diesem Jahr habe ich dann mitgezählt: Ich habe an 9 Tagen etwas mit meinem Pferd gemacht, an 9 Tagen von 365.
An allen anderen Tagen habe ich gemistet und sauber gemacht, Wasser geholt, den Reitplatz mühsam in Schuss gehalten, Zäune repariert und freigeschnitten, gemäht, Rundballen in die Scheune gerollt und Netze gestopft, unendlich viele Dinge getan, um die Pferde herum, aber nicht mit den Pferden zusammen. Ich habe mich fast jeden Tag entschuldigt bei meinem klugen Pferd, das kaum noch damit rechnet, dass irgendwas passiert, obwohl er so gerne gefordert wird und so aufgeht in überschwänglichem Lob wenn er mal wieder etwas gut gemacht hat. Er langweilt sich und nicht nur er. Auch der Beppi möchte mehr erleben und auch wenn Lui sich alle Mühe gibt - auch sie muss mir so oft bei anderen Dingen helfen und auch sie hat am Ende zu wenig Zeit für ihre beiden Jungs. 

Dass wir uns jetzt entschieden haben unser kleines Pferdeparadies zu verlassen und den Stall aufzugeben, ist für uns noch ganz unwirklich, kaum vorstellbar und ein guter Grund für viele, viele Tränen.
Trotzdem geht es nicht mehr. Ich bin müde und kann nicht mehr.
Meine Arbeit, mein Nebenjob, der Stall und die Pferde, und vor allem das viele, viele Drumherum - ich komme einfach nicht mehr hinterher und hatte schon länger das Gefühl, ich halte nicht mehr lange durch.

Als ich jetzt krank geworden bin, wurde mir klar, dass ich mein Immunsystem erschreckend runtergewirtschaftet habe und ich muss zugeben, dass ich überlastet war. Ich habe erkannt, dass all die viele Arbeit noch nicht mal genug war - es gibt so viele Baustellen rund um den Stall, die ich bei allem Einsatz trotzdem nicht schaffen kann - und vor allem habe ich erkannt, dass die Pferde zu kurz kommen. 9 Tage in einem ganzen langen Jahr, 9 Tage, an denen alles gut war - 9 Tage, an denen es nicht schon zu spät war, oder zu dunkel, zu nass, zu heiß oder zu kalt.... 9 Tage.
Dann hat sich jetzt auch noch der Ole verletzt und als die Tierärztin kam, war keine Diagnose möglich, weil sie ohne Strom nicht röntgen konnte. 

Vor kurzem hatten wir einen kleinen Heu Engpass und ich durfte mir drei kleine Ballen abholen auf dem Hof wo ich früher mit meinen Pferden stand. Dort stieg ich aus dem Auto und schaute mich pfeifend auf dem letzten Loch um. Es war niederschmetternd. Eine Reithalle, fließendes Wasser, Strom und Licht auf Knopfdruck und neben einem netten Ehepaar, das die ganze Arbeit rund um die Pferde erledigt nur ein paar entspannte und nette Leute, die ihre ganze Zeit auf dem Hof mit ihren Pferden verbringen können. Sie mähen, misten und füttern nicht, sie reparieren nichts und stopfen keine Heunetze, sie hängen nicht an jedem 5. Tag mit Kraft und Mühe ein Wasserfass an ihr Auto und fahren los um Wasser für die Pferde zu holen. Sie kämpfen nicht gegen Windmühlen, sondern erfreuen sich entspannt an ihren Pferden. Sie steigen aus ihrem Auto, gehen zu ihnen und verbringen Zeit mit ihnen. Sofort. Nicht erst und auch nur eventuell nach zwei Stunden, falls nach der Arbeit noch Zeit, Licht und Kraft übrig ist, falls es nicht in Strömen regnet, zu heiß oder zu kalt ist. Wenn sie reiten wollen, können sie das tun. Jeden Tag. Auch wenn es dunkel ist und auch wenn es regnet oder schneit. Der Ole ist ein tolles Pferd, ich würde auch gerne reiten.
Da stand ich also und mir kamen fast die Tränen. Ich stellte mir vor wie das wäre und die Vorstellung war ein unglaublicher Luxus in meinem Kopf. 

Ich weiß, die Pferde haben jetzt ein großartiges Leben im fast perfekten Offenstall, das sie offensichtlich sehr zu schätzen wissen und das mir auch immer sehr wichtig war. Sie bekommen so viel Heu wie ich für richtig halte und haben selbst im Winter wenn die Wiesen alle zu sind immer noch wenigstens so viel Bewegung, dass sie gemütlich zwischen zwei Raddocks hin und her spazieren können. Sie haben viel zu sehen, viel Licht und immer frische Luft. Es ist so unfassbar schön bei uns, dass ich irgendwann aufgehört habe darüber nachzudenken welchen Preis ich dafür bezahle.

Als wir damals anfingen, das völlig heruntergekommene Stallgebäude in Schuss zu bringen und die überwucherte Umgebung Stück für Stück freizulegen, als wir die Paddocks gebaut und den Reitplatz in Schuss gebracht und eingezäunt haben, als ich mir beim Einschlagen unzähliger Zaunpfähle irgendwann die Schulter kaputt gemacht habe, da war alles ganz klar und mit jedem kleinen stolzen Erfolg bekam ich nur immer noch mehr unbändige Kraft. Ich hatte einen Traum und habe ihn verwirklicht.
Ein Jahr lang haben wir glücklich geschuftet bevor die Pferde überhaupt eingezogen sind und viele Jahre waren wir unendlich froh über das, was wir uns geschaffen haben. 
Dieser Ort hat mir immer so viel gegeben. Egal wie viel ich reingesteckt habe, es kam immer noch mehr heraus. Das war mein Glück, mein Kraftort und mein verwirklichter Lebenstraum. Kein Pferd, das ich kenne, hatte es besser als unsere.
Aber ich habe nicht wirklich bemerkt, dass die Glücksbilanz irgendwann nicht mehr stimmte und mir das jetzt einzugestehen, ist schwer.

Als ich krank wurde, habe ich erkannt, dass ich etwas ändern muss und möchte. Ich will weniger Stress und mehr Freude an den Pferden haben. Ich will nicht mehr ständig das Gefühl haben, dass ich schon wieder so viel nicht geschafft habe und nicht mehr das Gefühl, dass ich vielleicht nicht mehr lange durchhalte. Mindestens das letzte Jahr war nur noch schwer. Ich habe die Pferde nur noch von weitem gesehen, nur noch um sie herum gearbeitet und mich unzählige Male bei ihnen dafür entschuldigt, dass ich schon wieder keine Zeit mehr habe, etwas mit ihnen zu unternehmen. Die Freude an der Arbeit mit den Pferden hat sich zusammen mit der kostbaren Zeit einfach davon geschlichen. 
Es fühlt sich nicht mehr richtig an, wenn nichts mehr übrig bleibt und ich weiß jetzt, ich kann nicht mehr. Aber: Ich finde nicht, dass ich gescheitert bin. 

Ich hatte einen großen Lebenstraum. Und ich habe ihn sowas von verwirklicht. Ich habe ein unvergleichliches Pferde- und Menschenparadies geschaffen und konnte den Pferden lange ein perfektes Leben bieten. Ich habe unendlich viel Herzblut, Leidenschaft und unvernünftig viel Geld in diesen Traum gesteckt, den ich mit vielen Freunden teilen durfte. Viele haben mit angepackt und viele kamen zu Besuch. Und jeder, der bei uns war, hat den Zauber gespürt und den Ort geliebt.

Ich bin nicht gescheitert wenn ich jetzt aufgebe.

Wir haben den Traum gelebt, aber jetzt ist es Zeit,

einen anderen Weg zu gehen. 

Sicher wird es nicht einfach, sich mit Gegebenheiten arrangieren, die mir vielleicht nicht gefallen, die zu ändern aber dann nicht mehr in meiner Macht liegt. 
Aber ich bin sicher, wir verlieren nicht nur. Die Pferde nicht und vor allem wir nicht. 

Ich werde immer voller Stolz und Dankbarkeit auf die glücklichen Jahre in unserem kleinen Paradies zurückblicken hoffe, dass uns jetzt eine andere schöne Zeit erwartet.